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Rosi, Dietmar und Mama, 1979 / © Fabia Mortis
 

Zehnmarkscheine und Schafe
31.07.2022

Den dämonischen Antagonisten meines Buches, den fränkischen Nachtgieger, habe ich Euch schon hinreichend vorgestellt. Natürlich braucht das Böse auch einen entsprechenden Gegenpart. Dieser wird in meiner schaurigen Gruselmär von einem siebenjährigen Mädchen namens Rosi übernommen.

 

Rosi lebt mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder Dietmar in ebenjener beschaulichen Kleinstadt, in der auch der Nachtgieger sein Unwesen und bisweilen auch etwas hintergründigen Schabernack treibt. Sie ist ein ganz normales Mädchen, das abends nicht gern zu Bett geht, weil sie lieber mit der Oma Alfred-Hitchcock-Filme ansieht, und Tiere liebt. Der kleine Blondschopf malt mehr schlecht als recht, dafür aber ausnehmend gern. Sie liest mit Begeisterung alles, was ihr in die schmalen Finger gerät und hat vielleicht ein klitzekleines Quäntchen zu viel an Fantasie mit in die Wiege gelegt bekommen.

 

Ihre behütete Welt gerät aus den Fugen, als die Oma dem Nachtgieger unwissentlich Tür und Tor in Rosis Traum- und Fantasiewelt öffnet. Nacht für Nacht jagt das höllische Ungeheuer sie fortan durch düstere Albträume. Tagsüber wird sie zu allem Übel von den beiden größeren Nachbarsburschen Bernd und Gerald schikaniert. Rosi ist den beiden zwar in körperlicher Hinsicht unterlegen – doch sie weiß sich mit List und Tücke gegen deren Attacken zur Wehr zu setzen.

 

Als Bernd eine gemeine Tat begeht, eskalieren die Ereignisse. Rosi sieht rot und verbündet sich mit dem Schlimmsten aller Albträume.

 

 

Hier kommt ein exklusiver Schnipsel aus Kapitel Nr. 1:

 

„Von Zehnmarkscheinen und Schafen“

 

Die siebenjährige Rosi lugt vorsichtig um den Zaun vom Schafgehege. Mitten in ihrem Wohngebiet liegt ein kleines verwildertes Rasengrundstück. Im Sommer sind hier mehrere Schafe in einem baufälligen Pferch untergebracht. Sehr zur Freude der Kinder aus dem Viertel, welche den immer hungrigen Tieren altes Brot und hart gewordene Semmeln durch den löchrigen Maschendrahtzaun zustecken. Rosi kommt gern hierher. Sie liebt es, die Schafe zu füttern und ihnen dabei zuzusehen, wie sie mit ihren kräftigen Kiefern gemächlich die mitgebrachten Leckerbissen zermahlen. Sie ist fasziniert von den friedlichen Tieren und den tollen Kaugeräuschen, die sie von sich geben. Manchmal steckt sie ihre feingliedrige Hand durch ein Zaunsegment und streichelt ihnen hingerissen über die verfilzte Wolle. Sie wünscht sich schon seit Langem ein eigenes Haustier. Etwas Flauschiges zum Liebhaben und Streicheln. Bisher haben die Eltern Rosis sehnlichsten Wunsch noch nicht erfüllt. Aber sie ist guter Dinge, dass sie eher früher als später einen befellten Freund an der Seite haben wird.

 

Doch heute ist Rosi nicht gekommen, um die Schafe zu füttern. Aufmerksam sondiert sie die Lage. Das zierliche blonde Mädchen mit den ausdrucksvollen grauen Augen ist nämlich zuweilen ein rechter Angsthase. Sie kennt die Stelle nur zu gut. Aus leidvoller Erfahrung. Die beiden Nachbarsburschen Bernd und Gerald, beide um einen ganzen Kopf größer als die noch etwas zu klein geratene Rosi, legen sich dort oft auf die Lauer, um jüngere Kinder zu drangsalieren. Erst letzte Woche haben sie Rosi genau hier erwischt und ihr den Zehnmarkschein abgenommen, mit dem die Mama sie zum Bäcker geschickt hatte, um Weggla und Schrippen zu kaufen. Im Nachhinein hat sie sich sehr darüber gegrämt, den Rotzbengeln das Geld überlassen zu haben, nachdem sie mehrmals grob von ihnen hin- und her geschubst worden ist. Schließlich ist sie zum krönenden Abschluss schmachvoll in einer Regenpfütze gelandet. Weil sie sich so dafür geschämt hat, sich nicht besser gewehrt zu haben, hat sie zu allem Überfluss auch noch die Mama angelogen und ihr erzählt, dass sie das Geld auf dem Weg verloren und es nicht mehr wieder gefunden hat. Mama hat zum Glück nur ganz wenig geschimpft. Rosi liebt ihre Mama heiß und innig. Sie versteht selbst nicht, warum sie nicht die Wahrheit gesagt hat. Rosi hasst es, dass sie gelogen hat. Doch sie weiß eines: Beim nächsten Mal wird sie das Geld nur über ihre kalte Leiche hinweg herausrücken!

 

Die Gelegenheit diesen Schwur einzulösen, sollte sie an diesem warmen Sommernachmittag bekommen. Rosi ist wieder einmal unterwegs zum Bäcker, der ein paar hundert Meter außerhalb des Wohngebietes liegt. Sie hält gut sichtbar ein rosa Jutenetz in der Hand. Zu dem kurzen Kleidchen im farbwilden 70er-Jahre-Streifen-Mix trägt sie blütenweiße Kniestrümpfe und rote Sandalen mit einer hübschen Zierschnalle. Letzteres Detail ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutsamkeit. Denn die Schnalle hat es wahrhaft in sich. Genaugenommen einen Zehnmarkschein, den Rosi sorgfältig zu einem winzigen Papierquadrat zusammengefaltet und darunter geschoben hat. Bernd und Gerald sind zwar um Einiges größer und stärker. Dafür ist sie jedoch wesentlich gewiefter.

 

 

Aus: „Rosi und der Nachtgieger“

© Fabia Mortis