»Poetry is the rhythmical creation of beauty in words.«  Edgar Allan Poe  

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  • Fabia Mortis

Rosi und der Nachtgieger

Ein Albtraum aus dem fränkischen Kinderzimmer




Es ist dunkel. Der leuchtende Vollmond hat sich hinter einem dichten Wolkenband verschanzt. Nur der spärliche Schein einer entfernten Straßenlaterne dringt durch nicht völlig geschlossene Jalousien in ein ordentlich aufgeräumtes Mädchenzimmer.


Rosi liegt seit Stunden hellwach in ihrem Bett und kann nicht einschlafen. Wie schon in so vielen Nächten zuvor. Denn sie hat ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Eines, von dem sie niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen erzählen kann. Weil die Geschichte so unwahrscheinlich klingt, dass ihr sowieso keiner Glauben schenken würde. Rosi hat nämlich die sichere Gewissheit darüber, dass ER existiert, dass es IHN tatsächlich gibt. Sie fühlt SEINE Anwesenheit mit jeder Faser in ihrem feingliedrigen Leib. Immer dann, wenn es dunkel wird … Er ist gekommen, um zu fressen. Denn die Jagd und das nimmersatte Fressen sind sein Lebenselixier.


Rosi ist sieben Jahre alt. Sie hält sich schon für ein ziemlich großes und vernünftiges Mädchen. Natürlich hat sie vor nichts und niemandem Angst. Zumindest würde sie das niemals vor irgendjemandem zugeben … Doch wenn die Nacht sich auf die Welt herabsenkt und sie zu Bett gehen soll, wird sie wieder ganz klein. Winzig klein. Dann greift eine lähmende Furcht mit hungrigen Klauen nach ihr und lässt sie bis zum Morgen nicht mehr los. Dann liegt Rosi Nacht für Nacht mucksmäuschenstill und wie erstarrt in der weichen Bettwäsche und schmiegt sich an den zerschlissenen Plüschhasen, den die Oma ihr vor Jahren, als sie noch KLEIN war, ins Osternest gelegt hat.


Überhaupt war es ihre Oma, die den Stein sozusagen ins Rollen gebracht hat. Rosi ist im Grunde genommen ein recht braves und zurückhaltendes Mädchen, das allerdings auch seine unartigen Momente hat. Wie Kinder eben manchmal so sind. Und wie es in Rosis Heimat in Franken eben so üblich ist, hat sich die wohl etwas überforderte Großmutter vor nicht allzu langer Zeit eines schaurigen Volksaberglaubens bedient, um die unwillige Rosi beizeiten und ohne großes Aufhebens ins Bett zu bekommen. Indem sie ihr vom NACHTGIEGER erzählt hat.


Der Nachtgieger geistert schon seit vielen Generationen durch die Albträume von fränkischen Kindern und erfüllt deren Nächte mit Angst und Schrecken. Über sein genaues Erscheinungsbild ist allerdings wenig bekannt, da er von ausgesprochen wandelhafter Gestalt ist. Doch es ist durchaus einiges andere Wissen über ihn ihm Umlauf. Je nachdem, wen man gerade befragt. Landläufig herrscht immerhin Einigkeit darüber, dass er sehr groß sein soll, sich stets in abgrundtiefes Schwarz hüllt und über gewaltige Schwingen verfügt, mit denen er im Schutz der Dunkelheit unermüdlich und witternd über den Siedlungen der ahnungslos Schlafenden kreist. Äußerlich von absolut furchterregendem Anschein ernährt sich dieses finstere Wesen ausschließlich vom zarten Fleisch unartiger Madla und Bürschla, die nach zehn Uhr abends nicht brav in ihren Betten liegen. Ähnlich wie der gruselige Vampir aus einem der Filme, den sich Rosi heimlich angesehen hat, als sie an einem Sonntagnachmittag einmal alleine zuhause war. Mit großen Augen und offen stehendem Mund hat sie atemlos verfolgt, wie ein weißgeschminkter Schauspieler mit spitzen Eckzähnen einer vergebens zappelnden und schreienden Frau das Blut bis auf den letzten Tropfen aus dem kaum bekleideten Leib gesaugt hat.


Was sie nicht weiß und die Oma unglücklicherweise unterschlagen hat, ist die ebenfalls gesicherte Tatsache, dass es dem fränkischen Nachtgieger – aus welchen Gründen auch immer - verwehrt ist, in Menschenhäuser einzudringen. Er ist auf ewig dazu verdammt, in den flackernden Schatten der nächtlichen Straßen sein Unwesen zu treiben und dort auf kindliche Beute zu lauern. Diese ist also gut beraten, die rechte Zeit geflissentlich im Auge zu behalten und sich Schlag Zehn im Haus in Sicherheit zu bringen anstatt unter freiem Himmel umher zu strolchen. Erst in der Morgendämmerung verschwindet der Nachtgieger spurlos im Zwielicht. Geradewegs als hätte er nie existiert.


Seit Rosi von dieser grauenvollen Schreckgestalt erfahren hat, ist nichts mehr wie es zuvor gewesen war. Sie protestiert nicht, wenn Schlafenszeit ist und geht neuerdings fügsam wie ein Lämmchen und zum großen Erstaunen ihrer Mama ohne Widerrede zu Bett. Die ahnt nicht das Geringste davon, welches ungeheuerliche Wissen das Herz ihrer Tochter mit dem Gewicht eines Mühlsteins beschwert. Andernfalls hätte sie mit der Oma sicherlich ein ernsthaftes Wörtchen zu reden gehabt!


Da liegt Rosi nun. Unter der tröstlichen Bettdecke vergraben. Mit schwitzigen Händen hält sie eine Taschenlampe fest umklammert. Die nahe Kirchturmuhr schlägt beunruhigend oft. Rosi zählt leise mit. Es schlägt zehnmal! Das hat sie schon gewusst, bevor sie überhaupt mit dem Zählen begonnen hat. Ihr Blick fliegt zum Kleiderschrank. Dessen Türen sind sorgfältig geschlossen. Darauf legt Rosi mittlerweile sehr großen Wert. Sie hat sogar den Schlüssel herumgedreht – bis zum Anschlag. Denn sie ist aus tiefstem Herzen davon überzeugt, dass dieser Schrank ein Portal ist, durch den das unvorstellbare Grauen, der Unaussprechliche, irgendwann zu ihr vordringen wird. Damit er sie grob packen und bei lebendigem Leibe mit einem Haps verschlingen kann. Nur, um hernach das blitzeblank genagte Gebein aus seinen verrotteten Innereien wieder hervor zu speien. Ihre Mama würde nicht wissen, wo Rosi abgeblieben war, wenn sie am Morgen ins Kinderzimmer käme, um sie zu wecken. Allein ein armseliges Häufchen bleicher Knochen würde Zeugnis von den unheilvollen Ereignissen der Nacht ablegen. Während Rosi langsam im Magen des Monsters zu klebrigem Brei verdaut würde.


Unvermutet beginnt sie zu zittern, fühlt, wie eine Gänsehaut ihre Haut überzieht. Ist da nicht ein Knarren vom Schrank her zu hören? Das langsame Geräusch eines sich im Schloss bewegenden Schlüssels? Ein beharrliches Scharren, ein dissonantes Kratzen von Fingernägeln auf Holz, ähnlich dem nervenzerfetzenden Geräusch von Kreide auf der Tafel im Klassenzimmer?


Mit fliegenden Fingern knipst Rosi die Taschenlampe an. Das warme Licht vermittelt ihr kurzzeitig ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Zaghaft lugt sie unter der Bettdecke hervor und richtet den batterieschwachen Strahl todesmutig auf den Schrank des Schreckens. Sie kneift die Augen zusammen. Steht der rechte Flügel nicht etwa einen Spalt breit offen? Sehen da rotglühende, schrägstehende Augen gierig hervor? Wie konnte das nur geschehen? Sie hat doch extra abgesperrt! Da ist sie sich absolut sicher. Schließlich ist es ÜBERLEBENSWICHTIG.


Die Taschenlampe entgleitet Rosis kraftlosen Fingern, als sie sieht, wie sich die Tür weiter öffnet, eine riesenhafte schwarze Gestalt dem Schrank entsteigt, sich in unheilvoller Pracht bis zur Zimmerdecke entfaltet und drohend zwei gigantische, fledermausartige Hautflügel präsentiert.


Im schwachen Lichtschein wird Rosi mit dem Schlimmsten aller Albträume konfrontiert. Wie paralysiert blickt sie der höllischen Kreatur entgegen. Es ist der Nachtgieger! Sie weiß es instinktiv. Und er hat Hunger. Unverkennbar! Übelriechender Geifer tropft ihm von den nadelspitzen Zähnen. Seine brennenden Augen fixieren sie verlangend. Rosi ist sich zu einhundert Prozent sicher, dass sie seine nächste Mahlzeit sein wird. Er steht nun ganz nah bei ihr. Dennoch könnte sie sein Äußeres nicht näher beschreiben, selbst wenn sie es versuchen wollte. Der Nachtgieger … ist auf eine merkwürdige Weise schwer fassbar, ein rätselhafter, unbegreiflicher Schatten. Er zerfasert in Sekundenbruchteilen und setzt sich mit ebensolcher Geschwindigkeit wieder zu einem wahrhaft entsetzlichen Gesamtbild zusammen. Gerade so wie flüchtige Wolkenfetzen, die in- und auseinanderströmend über einen abgrundschwarzen Gewitterhimmel driften.


Widerwillig fasziniert beobachtet sie, wie messerscharfe Klauenfinger mit langen, gelben und ekelhaft verhornten Nägeln im Zeitlupentempo nach ihr greifen. Die Zeit scheint mit einem Mal zäh und dickflüssig wie die ungeliebte Schleimsuppe zu fließen, die sie von der Mama bekommt, wenn sie von Bauchweh geplagt wird. In die Totenstille dringen nur Rosis hektisch flatternde Atemzüge und ein dumpfes, bösartiges Knurren, welches ihr förmlich das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sie löst sich aus dem apathischen Zustand, weicht zurück, bückt sich nach der Taschenlampe und richtet diese langsam auf den Nachtgieger. Das Ungeheuer springt ohne Vorwarnung mit blitzartigem Tempo auf sie zu. Rosi schließt schicksalsergeben die Augen. Gleich würde sie gefressen werden! Als sie den fauligen Atem des Scheusals auf ihrer erhitzten Wange fühlt, erwachen mit einem Mal sämtliche Lebensgeister! Die schreckerfüllte Starre fällt endgültig von ihr ab. Nein! Sie will nicht sterben! Und schon gar nicht auf derart grässliche Weise!


Rosi beginnt aus vollem Halse zu schreien. Sie hat bisher nicht geahnt, zu welch‘ erstaunlicher Lautstärke sich ihr Stimmchen empor schrauben konnte. Rasche Schritte nähern sich der Zimmertüre. Der Lichtschalter wird gedrückt, und die Deckenlampe flutet das düstere Schreckensszenario augenblicklich mit wohltuender Helligkeit. Die Mama steht vor der völlig verängstigten Rosi und blickt sie besorgt an.


„Liebes, was ist los? Hast Du schon wieder schlecht geträumt?“


Rosi nickt. Es hat ihr vorübergehend die Sprache verschlagen. Ihre Augen richten sich misstrauisch auf den Schrank. Er ist ordnungsgemäß verschlossen. So wie es sich nachts gehört. Erleichtert atmet sie auf. Hat sie vielleicht nur geträumt, und der Nachtgieger ist lediglich als ein Trugbild ihrer blühenden mädchenhaften Fantasie entsprungen? Mühsam gelingt es ihr, einige Worte hervor zu pressen, die unbedingt heraus wollen.


„Mama, kannst Du im Schrank nachgucken, ob da etwas drin ist?“


Zum Glück fragt Mama nicht groß nach, sondern inspiziert stattdessen ausgesprochen gründlich das nicht besonders ordentliche Schrankinnere. Rosi wagt sich vorsichtig näher und reckt den Kopf. Keine Spur vom Nachtgieger. Ein Glück, dass niemand hören kann, wie ihr ein wahrer Felsbrocken von der Brust plumpst!


Sie fühlt den stirnrunzelnden Blick ihrer Mama und wie sie ihr beruhigend über den verwuschelten Blondschopf streicht.


„Siehst Du? Da ist niemand drin. Aber morgen wird der Schrank aufgeräumt. Der hat es wirklich mehr als nötig. Und jetzt ist es Zeit zum Schlafen. Magst Du vorher noch einen warmen Kaba?“


Rosi strahlt. Und nickt. Sie liebt Kaba. Im Gegensatz zu ihrem jüngeren Bruder, der tatsächlich ECHTEN Bohnenkaffee trinkt. Schon seit er ganz klein war. Aber dies sei nur am Rande bemerkt. Denn es ist für die Geschichte eigentlich überhaupt nicht von Belang.


Der warme Kaba wirkt wahre Wunder. Mama macht ihn immer mit ganz viel Pulver. Rosi hat sich wieder beruhigt und schläft tief und vor allem traumlos bis zum Morgen durch.


Zum Glück weiß sie zu diesem Zeitpunkt nicht, dass der Nachtgieger sie noch durch viele ihrer kindlichen Nächte und Fantasien begleiten wird. Im Laufe der Jahre tritt er jedoch immer seltener in Erscheinung. Bis er sich irgendwann im sanftmütigen Dunkel der Erinnerungen verliert.


Doch … er ist tatsächlich niemals ganz verschwunden. Auf unbewusste Art und Weise ist er im Hintergrund präsent geblieben. Selbst als Erwachsene achtet Rosi akribisch darauf, dass die Schranktüren im Schlafzimmer nachts geschlossen sind. Tagsüber übrigens auch. Es vermittelt ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit und Ordnung. Aus welchen Beweggründen auch immer. Denn mittlerweile hat sie längst herausgefunden, dass der Nachtgieger nur eine schauerliche fränkische Volksmär ist.


Kürzlich geriet er ihr unvermutet wieder in den Sinn. Als sie doch einmal vergessen hat, den Schrank vollständig zu schließen. Sie ist nachts aufgewacht und fand sich unvermittelt in ihre Kindheit zurückversetzt. Tatsächlich war es ein relativ intensiver Furchtmoment, der sich in dem seltsam unbestimmten Zustand zwischen Wachwerden und Träumen abgespielt hat.


Den Nachtgieger gibt es in den unterschiedlichsten Ausprägungen in vielen Kulturen. Er ist eine Art universelle Schreckgestalt, ein dunkler Buhmann, ein Schatten aus der Hölle, einzig dazu erdacht Kindern Angst einzuflößen.


Rosi hat sich an ihn erinnert. Sie möchte dem Nachtgieger diese Geschichte schenken und ihn für immer dorthin schicken, wo er hingehört: In die Finsternis. Damit er von der Erinnerung aufgefressen wird.


Fabia Mortis

16.06.22





Illustration: chainatp (iStock)