• Fabia Mortis

Im Dunklen See




Der Dunkle See ist uralt, verderbt und giftig. Ein trügerisch klarer Ort von abgrundtiefer Bosheit. Tief in seinem Grund haust ein namenloser Schrecken, einzig zu dem Zweck erschaffen, neues, besudeltes Leben hervorzubringen.


Der See ist zu einem Dreh- und Angelpunkt in meinen Büchern geworden. Aus unerfindlichen Gründen kehre ich immer wieder zu ihm zurück. So auch in meinem vierten Buch „Der Schwarze Grimm“, an dem ich aktuell schreibe. Ich hatte eigentlich nicht beabsichtigt, das Thema darin nochmals aufzugreifen. Aber nun ist dieser finstere Ort ohne Vorwarnung wieder aufgetaucht. Und er mag scheinbar nicht wieder in die Dunkelheit verschwinden, in der ich ihn längst begraben glaubte. Ich bin neugierig, in welche Richtung sich der ungeplante Gedankenstrang entwickeln wird. Nach meiner bisherigen Erfahrung wird erst dann wieder Ruhe sein, wenn ich alles wortgetreu aufgeschrieben habe. Auf gewisse Weise fühlt es sich an wie ein Déjà-vu. Aus einem ähnlichen Impuls heraus habe ich in „Schattendame“ als losen Faden spontan die Sequenz um einen verwünschten Dolch und eine Schwarze Königin eingepasst. Daraus entstand Buch Nr. 3 - „Dark Queen“.


Hier also ein kurzer Extrakt aus „Der Schwarze Grimm“:




Unbeirrt schwamm Luna weiter. Immer wieder sah sie zu dem fahlgelben Vollmond empor, der sie wie eine überdimensionale Laterne auf ihrem einsamen Weg begleitete. Seine stille Gegenwart empfand sie als seltsam tröstlich, so als wäre sie nicht völlig allein – mitten im Nirgendwo. Der Mond war nun wie die Sonne – ihre Sonne in der Nacht.


Plötzlich wurde sie am Fuß gepackt und gewaltsam unter Wasser gezerrt. Zu Tode erschrocken begann sie zu strampeln und wild um sich zu treten. Mit verzweifelten Schwimmzügen versuchte sie die Wasseroberfläche zu erreichen – vergeblich. Etwas zog sie unaufhaltsam hinab in die schwarzen Fluten des Sees. Luna konnte in der Finsternis keine Handbreit weit sehen, nicht das Geringste erkennen. Sie wusste nicht, wer oder was sie da mit eisernem Griff umklammert hielt und gnadenlos in den Schatten riss. Irgendwann verließen sie schließlich alle Kräfte. Ihre Gegenwehr wurde schwächer und schwächer. Bis sie schließlich vollends erlahmte. Mit einem Mal fühlte sie sich federleicht und schwerelos. Sie wusste, sie würde mit dem nächsten Wimpernschlag sterben. War dies die verdiente Strafe für ihr sündhaftes Treiben? Lunas letzter Gedanke galt dem lieben Lukas, der vergeblich am nächtlichen Strand auf sie warten und niemals erfahren würde, was aus ihr geworden war. Sie lächelte und öffnete schicksalsergeben den Mund. Eiskaltes Wasser strömte schmerzhaft in ihre Lungen, als sie instinktiv nach Atemluft schnappte. Das bleiche, hüftlange Haar trieb schlingpflanzengleich im Dunkel. Sie fühlte schon nicht mehr, wie sich eine Masse von formlosen Schemen ihrer leblosen Hülle bemächtigte und die messerscharfen Fangzähne lustvoll in die ungeschützte Drosselvene schlugen.


Lunas erkalteter Leichnam war vom Dunklen See spurlos verschlungen worden. Und was dieser unselige Pfuhl einmal verschluckt hatte, spie er niemals wieder lebendig an seine Ufer heraus.


Keiner der Menschen, die ihr zu Lebzeiten nahe gestanden hatten, würde um Lunas elendes Schicksal wissen. Es würde für immer im düsteren Seengrund verborgen bleiben.


Fabia Mortis

26.03.22




Illustration: Stefanie Dirscherl