»Poetry is the rhythmical creation of beauty in words.«  Edgar Allan Poe  

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  • Fabia Mortis

Nachtgieger

Eine Schreckgestalt aus Franken




Der Mond ist aufgegangen

Am Kirchturm schlägt es zehn

Von der Wolkennacht umfangen

Erklingt schauriges Gestöhn.


Es schwebt auf dunklen Wegen

Ums Haus zum Rosengarten

Wie ein Windhauch bebend

Lauert es im Schatten.


Dort wird es hungrig jagen

Bis zur Morgenstund‘

Nach Mägdelein und Knaben

Und zartem Fleisch im Mund.


Das Ding wird all die Kinder fressen

Welche nicht brav ins Bettlein geh’n

Die rechte Zeit im Spiel vergessen

Wenn die Turmuhr zeigt auf zehn.


Drum seid folgsam und bescheiden

Hört, was Euch die Mutter sagt

Finst’re Flecken sollt Ihr meiden

Wartet auf den lichten Tag.


Im Morgengolde wird‘s verblassen

Zerfließend, ohne Macht

Schlaflos träumt es in den Gassen

Wie’s an bleichen Knochen nagt.



Der Nachtgieger (mundartl. auch Nachdgiecher, Noochdgieger) bezeichnet u.a. eine in Franken gebräuchliche dunkle Schreckgestalt. Über seine äußere Erscheinungsform besteht allerdings Ungewissheit. Er ist eine Art universelles Monstrum mit vampirähnlichen Zügen, welches seit jeher von Eltern bemüht wird, um dem unbotmäßigen Nachwuchs Angst einzujagen. Es geht die Mär, dass der Nachtgieger nach 22 Uhr durch die dunklen Straßen schleicht, um Kinder zu jagen und zu fressen, die frech sind und nicht brav in ihren Betten liegen. Glücklicherweise scheint es ihm jedoch verwehrt zu sein, in Menschenhäuser einzudringen, so dass folgsame Madla und Bürschla dort vor ihm sicher sind.


Als Kind habe ich mich tatsächlich vor dem Nachtgieger gefürchtet. Kürzlich kam er mir unvermutet in den Sinn, als ich nachts einen Schreckmoment erlebte, der von einer bedrohlich offenstehenden Schlafzimmerschranktür ausgelöst wurde. Wer weiß, ob er nicht vielleicht doch auf diesem Wege ins Haus schlüpfen könnte …


Ich finde, dass die charmante fränkische Schauerfigur durchaus ein eigenes Gedicht verdient hat!


© Fabia Mortis

08.06.22





Illustration: chainatp (iStock)