• Fabia Mortis

Luna & Grimm

Blutige Gefährten




Ein leises Plätschern vom nachtdunklen Sumpf drang an seine befellten Ohren, die sich erwartungsvoll aufgerichtet hatten. Etwas oder jemand entstieg dem schlammigen Wasser und näherte sich mit gemächlichen Bewegungen. Er wandte sich nicht um. Es gab nichts, das ihm in seinem düsteren Reich etwas anhaben zu vermochte. Er war der König der Nacht, ein höllischer Prädator, ein widernatürliches Geschöpf der Finsternis. Seine Lefzen verzogen sich zu der bizarren Karikatur eines menschlichen Lächelns. Dann rückte er auf seinem Baumstumpf etwas zur Seite, machte Platz. So wie er dies schon in vielen Nächten zuvor getan hatte. Er spürte eine unaufdringliche Präsenz, den leicht modrigen Geruch, fühlte, wie sie mit geschmeidiger Eleganz neben ihn glitt und ihn erwartungsvoll ansah. Von seiner heutigen Ausbeute war nicht mehr allzu viel übrig. Er griff nach dem blutigen Rumpf des Unglückseligen, den er vor einigen Stunden ganz in der Nähe des Waldrandes erwischt hatte und förderte nach kurzer Suche dessen noch intaktes Herz zutage. Vorsichtig legte er es in die zierliche Hand, die sich ihm erwartungsvoll entgegen gestreckt hatte. Große sturmgraue Augen blickten ihn aus einem porzellanfeinen Antlitz an, das von einer langen silbernen Haarflut umflossen wurde. Ihr zierlicher Leib wurde von einem fadenscheinigen Nachtgewand nur notdürftig bedeckt. Trübes Brackwasser floss ihr förmlich aus allen Poren. Die hungrige Gier mit der die zarte Schönheit die ebenso kräftigen wie gepflegten Zähne in das frische Herz schlug, strafte ihre äußerliche Anmut Lügen. Sie war von gleicher Art wie er selbst. Ein Raubtier, eine Verfemte, ein unheiliges Geschöpf der Nacht. Einsam, verflucht, verloren, vergessen. Die windlose Stille wurde nur von den gleichmäßigen Kaugeräuschen unterbrochen, mit denen sie die Mahlzeit verschlang. Als sie diese schließlich beendet hatte, war ihr hübscher Rosenknospenmund von einer blutigen Aureole umgeben. Ein Umstand, an dem sich jedoch keiner von beiden großartig störte …


Sorgfältig leckte sie sich die feingliedrigen Finger sauber. Sodann rückte sie ganz nah an das Untier heran, lehnte den Kopf an seine massigen Schultern. Es knurrte leise, ließ den Körperkontakt jedoch zu. Einträchtig schweigend saßen sie beieinander und betrachteten zufrieden und gesättigt die milchblasse Scheibe des geheimnisvoll leuchtenden Frühlingsvollmondes. Irgendwann drang ihre klangvolle Stimme in die surreale Stille.


„Ist er nicht wunderschön? So kalt, fern und unerreichbar, aber dennoch von einem maßlosen Feuer erfüllt, welches Deine Seele selbst noch im Traum verbrennt.“


Aufmerksam sah es sie an und ließ ein bestätigendes Brummen vernehmen. Die Macht der menschlichen Sprache war ihm in diesem Zustand der Konversion zwar nicht vergönnt, dennoch bestand schon von Beginn ihrer seltsamen Kameradschaft an eine Art von natürlichem Einverständnis zwischen ihnen, welches weit jenseits aller Worte lag.


„Der Mond ist wie die Sonne. Eine eiskalte Sonne in der Nacht. Es war sein Geisterlicht, das mir damals in den Tod geleuchtet hat.“


Ihr bekümmerter Blick streifte über den trostlosen Sumpf, der für sie schon seit sehr langer Zeit Lebensraum, Fluch und Gefängnis war.


Seine riesige Pranke legte sich unbeholfen auf ihren schmalen Rücken.


„Grimm, wusstest Du, dass an dieser Stelle früher ein See lag?“


Fragend sah er sie an, schüttelte verneinend sein wölfisches Haupt.


„Er war glasklar, von unermesslicher Tiefe, dunkel und unergründlich. Schön und schrecklich zugleich. Und nun sieh‘ Dir an, was aus ihm geworden ist. Ein erbärmlicher schlammiger Morast, den die Zeit zur Bedeutungslosigkeit vertrocknet hat. Irgendwann wird er völlig vergessen sein. So wie die Erinnerung an ihn und die bösartige Macht, die darin gehaust haut. Und ich werde mich in ihm verals hätte ich niemals auf Erden existiert.“


Wärmesuchend schmiegte sie sich an sein dichtes Fell, fühlte, wie sich sein Arm tröstlich um sie legte. Sie sah wieder zu der gleichgültigen Scheibe des Erdtrabanten empor.


„Wenn wir beide längst zu Staub geworden sind, wird er immer noch völlig unberührt dort oben stehen. Für uns beide ist er die Sonne – aber unser Schicksal ist ihm überhaupt nichts. Manchmal wünschte ich, ich würde einschlafen und nie wieder aus diesem unseligen Dasein erwachen.“


Ein kalter Wind erhob sich und rauschte durch die düsteren Wipfel des Nebelwaldes. Sie fröstelte, als er sacht ihr feuchtes Haar bewegte.


Welch‘ ein verdammter, hoffnungsloser Ort!


Fabia Mortis

17.04.22

Der Schwarze Grimm