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  • Fabia Mortis

Erwin und der lila Sommerflieder


Foto: © Fabia Mortis

"Erwin und die lila Hornveilchen"




Ein tiefes Brummen klingt

Im Sommerfliederstrauch

Auf einem Zweiglein schwingt

Ein behaarter Pollenbauch

Es ist eine Hummel, die da summt

Und den Rüssel in die Blüten tunkt.


Das Insekt fliegt treu an jedem Tag

Ums Hauseck auf den Pflanzbalkon

Wobei es gern Lavendel mag

Auch Thymian und roten Mohn

Abends fliegt es satt ins Nest

Bis zum nächsten Nektarfest.


Früh am Morgen kehrt es wieder

Pünktlich wie die Schweizer Uhr

Mit Blütenpollen im Gefieder

Und von stattlicher Figur

Erfreut uns sein Gebrumm

Eher selten bleibt es stumm.


Er heißt Erwin und lebt nicht lang

Kehrt er einst nicht wieder

So ist‘s des Lebens Gang

Doch der Sommerflieder

Ist eine süße Attraktion

Für jede Hummelgeneration.


Es bleibt niemals lange still

Bald schallt ein tiefer Ton

Durchs blühende Balkonidyll

Ist‘s Erwins flaumiger Sohn

Der da um die Mauer biegt

Wenn es lila duftend blüht?


© Fabia Mortis

Juli 2022

Überarbeitete Fassung





Was es mit „Erwin“ auf sich hat:


„Erwin“ ist eines von meinen früheren Gedichten und zugegebenermaßen ziemlich holprig geraten. Nichtsdestotrotz mag ich es ebenso wie seine flauschigen Vorbilder, die seit Jahren treu meinen hummel- und insektenfreundlich bepflanzten Südbalkon besuchen, der direkt an einem Park liegt. Was wäre ein Sommernachmittag ohne das beruhigende, tieftonige Gebrumm einer hübschen Hummel, die in ihrer bezaubernd behäbigen Art von Blüte zu Blüte fliegt?


Irgendwann hat es sich eingebürgert, dass ich jedwede Art von Hummel – egal ob Garten-, Wiesen- oder Dunkle Erdhummel – kurz und knapp „Erwin“ nenne. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, wie es dazu gekommen ist. Allerdings finde ich „Erwin“ ziemlich passend.


Das Erwinjahr beginnt zuweilen bereits im März, denn Hummeln fliegen schon bei einer Temperatur von 5 Grad Celsius aus. Es sind die jungen Königinnen, die als Einzige ihres Volkes den Winter überlebt haben und nun nach einer Nistmöglichkeit suchen, um einen neuen Staat zu gründen. Nachdem es so früh im Jahr relativ kärglich um blühende Nahrungsquellen bestellt ist, rettet man durch eine zeitige Bepflanzung möglicherweise einer kompletten Hummelpopulation das Leben. Ich biete den pelzigen Zeitgenossen zum Saisonstart Hornveilchen, Traubenhyazinthen, Hyazinthen und Narzissen an. Damit bin ich bisher ganz gut gefahren. Die blühenden Palmkätzchen meiner Weide im Pflanzkübel erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit.


Leider beginnt schon im August das große Hummelsterben. Daher decke ich mich rechtzeitig mit einem Lavendelvorrat ein, der oft bis in den Herbst hinein blüht. Auch die hübsche Sonnenbraut, Astern und Dahlien sind dann im Angebot und werden gerne von den Brummern angeflogen. Wer eine schwächelnde Hummel entdeckt, kann ihr etwas Honig oder Zuckerwasser auf einem Teelöffel anbieten. Die Tierchen nehmen es dankbar an und erholen sich oft wieder.


Bei günstiger Witterung und entsprechendem Nahrungsangebot, habe ich in manchen Jahren sogar noch im November (!) vereinzelten Besuch von meinen Lieblingsinsekten bekommen.


Gerade eben als ich dies schreibe, fliegt eine ganz besonders wohlgennährte Gartenhummel haarscharf an mir vorbei. Sie hat wohl die bunten Zauberglöckchen und die zartlia Hebe entdeckt, die ich frisch im Gartencenter gekauft habe. Erwin scheint etwas verwirrt. Offenbar kann er sich nicht entscheiden, welche der Pflanzen er zuerst anfliegen soll. Seine Flugmanöver sehen etwas unkoordiniert aus, doch ich bin zuversichtlich, dass er das irgendwie hinkriegen wird …


Fabia Mortis

24.07.22