• Fabia Mortis

Dunkle Gedanken zum Abend




Am 28. Juni 1914 starben in den Straßen von Sarajevo ein Mann und seine Frau. Niedergestreckt von den Schüssen eines Attentäters der nationalistischen Schwarzen Hand. Durch diesen Mord geriet eine Kette verhängnisvoller politischer Ereignisse in Gang. Er war der Funke, der ein ohnehin schwelendes Pulverfass endgültig zum Explodieren brachte, den europäischen Kontinent und schließlich die gesamte Welt in Brand setzte.

Seither sind mehr als einhundert Jahre vergangen. Europa und die Menschheit tanzen erneut auf einem Pulverfass. Die Zündschnur brennt. Weil die Politik trotz der bitteren Erfahrungen aus der Vergangenheit und zwei verheerenden Weltkriegen nicht in der Lage oder willens ist, Konflikte ohne Waffengewalt zu lösen und das kostbare Gut des Friedens zu bewahren. Wir schreiben das Jahr 2022, und das Recht des Stärkeren, die pure entmenschlichte Brutalität regiert. Nicht weit von unserer (noch) friedlichen Haustür entfernt, werden Zivilisten auf grausame Weise gefoltert, vergewaltigt und massakriert. Von einer Soldateska, die jegliche zivilisatorische Patina von sich geworfen hat und der ein Menschenleben nicht den Dreck unter den Fingernägeln wert ist. Es macht fassungslos und wütend, diesem Grauen als Individuum nahezu ohnmächtig zusehen zu müssen.


Ich sitze allein im Dunkeln und trinke ein Glas Wein. Es herrscht eine wohltuende Abendstille. In meinem Inneren ist es jedoch sehr laut. Die verstörenden Bilder, von denen wir seit Wochen in den Medien überflutet werden, wollen mir heute nicht aus dem Kopf gehen. Die Gefahr eines unkontrollierten Weltenbrandes halte ich inzwischen für real, ohne selbst allzu große Furcht angesichts dieser Bedrohung zu empfinden. Denn wenn der offensichtlich geistesgestörte Tyrann im Kreml auf den roten Knopf drückt, ist es ohnehin innerhalb eines Lidschlags vorbei mit uns allen. Die einzige Genugtuung an diesem Szenario bleibt, dass er es ebenfalls nicht überleben wird. Vermutlich werden auf diesem Planeten im Worst Case nicht einmal mehr Bakterien existieren können.


Manchmal kommt man tatsächlich in Versuchung zu weinen. Um die vielen unschuldigen Kinder, Frauen und Männer, die in diesem - eigentlich jedem - sinnlosen Krieg ihr Leben lassen mussten – und um all diejenigen, die noch sterben werden. Für nichts!


Im Jahr 2022. Nicht 1945.


Der Wunsch nach Frieden ist tief in uns verwurzelt, er ist schließlich die Grundlage der menschlichen Existenz. Doch mit einem Mal ist die Welt aus den Fugen gerissen. Sie schlittert ungebremst auf einen Abgrund zu.


Es sind zugegebenermaßen sehr dunkle Gedanken. Vielleicht (hoffentlich!) bin ich nur eine depressive Schwarzmalerin, die Gespenster sieht. Und vielleicht (hoffentlich!) kann ein zweites Glas Wein sie vertreiben. Oder auch nicht.


Einen Versuch ist es allemal wert!



Fabia Mortis

28.04.2022





Illustration: Pixabay