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  • Fabia Mortis

Das Schwarze Elixier - Teil I


Diese Erzählung handelt von Ereignissen, wie das wahre Leben sie geschrieben haben könnte. Es ist die Geschichte einer Dame, die dem mysteriösen Schwarzen Elixier verfällt.


An ihr findet sich auf den ersten Blick nichts Besonderes. Sie ist sehr schlank mit blonden Haaren und grauen Augen. Wenn sie sich in einer Ansammlung von Menschen befindet, sticht sie dem zufälligen Beobachter nicht unmittelbar ins Auge. Ganz nach ihrem Belieben verschmilzt sie mit der gesichtslosen Masse. Ihre charakterliche Natur ist von jener distanzierten Art, die sich lieber im Hintergrund hält. Sie schätzt es ganz und gar nicht, wenn allzu viel Aufmerksamkeit auf sie gerichtet ist. Da kommt es ihr natürlich zupass, dass die Menschen im Allgemeinen ohnehin viel zu oberflächlich und auf sich selbst bezogen sind, um genauer auf ihre Umgebung achten. Oder hinter die glatte und unnahbare Fassade zu blicken, mit der viele ihr wahres Wesen und ihre individuellen Gefühle erfolgreich vor der Welt verbergen.


Die Dame führt ein gewöhnliches und unauffälliges Leben. Ob sie damit glücklich ist? Vielleicht. Sie weiß es vermutlich selbst nicht. Darüber hat sie bisher noch niemals ernsthaft nachgedacht. Oberflächlich betrachtet wirkt sie zumindest, als sei sie zufrieden. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Geschichte ihren Lauf nimmt, ahnt sie noch nicht, dass Glücklichsein und Zufriedenheit zwei sehr unterschiedliche Begriffe sind. Sie wäre auch niemals auf die Idee gekommen, ihre Lebensweise generell zu hinterfragen. Sie nimmt die Welt so hin wie sie ist und fügt sich widerspruchslos an ihren Platz ein. Die tägliche Arbeit erledigt sie sehr gewissenhaft. Sie mag es, wenn die Dinge geordnet und nach Plan verlaufen und man ihr das Gefühl gibt, gebraucht zu werden. Dadurch bekommt ihr Dasein einen Sinn. Oft verbringt sie längere Zeit an ihrem Schreibtisch, als dies von ihr verlangt wird.


Die Dame lebt in bescheidenem Wohlstand und Frieden. Sie hat alles, was ein Mensch im Leben benötigt. Dennoch fehlt ihr etwas. Obwohl sie eine entsprechende Frage danach nicht zufriedenstellend beantworten könnte. Unbewusst jedoch nimmt sie sehr wohl wahr, dass ihr Herz und ihre Seele von einem dunklen Vakuum durchzogen sind. Manchmal sehnt sie sich in ihre alte Heimat und zu ihrer Familie zurück, die ihr mitunter sehr fehlen. Sie versucht nicht allzu oft darüber nachzudenken. Denn dies hinterlässt nur Traurigkeit in ihrem Herzen und ergibt sowieso keinen großen Sinn. Vielleicht wäre ihr Leben dort auch nicht viel anders verlaufen? Es ist wie es ist. Punktum! Die Dame verschließt die Augen und akzeptiert die farblose Realität. Aus Bequemlichkeit. Oder sollte man es vielmehr treffender als Faulheit bezeichnen?


An einem wunderschönen Frühlingstag im Mai sollte sich mit einem Schlag alles ändern. Es ist nicht das erste Mal, dass sie am eigenen Leib erfährt, wie schnell ein Mensch in einen lichtlosen Abgrund stürzen kann.


*****


Als sie ihrem stählernen Ross entsteigt, verspürt die Dame ohne Vorwarnung einen scharfen Schmerz im Fuß. Das Bein ist sekundenlang völlig gefühllos und sackt unter ihr weg. Fast wäre sie gefallen, kann sich jedoch wieder fangen. Sie denkt sich nichts dabei, da sie in ihrer Freizeit sehr viel Sport treibt. Da sind kleinere Blessuren an der Tagesordnung. In der Regel sind sie nach kurzer Zeit auch wieder verschwunden. Doch dieses Mal hat sie kein Glück. Der Schmerz bleibt wie klebriges Pech an der Dame haften. Nach einigen Tagen wird es so schlimm, dass sie sich nur noch hinkend fortbewegen kann. Sie greift zu allen möglichen inwendigen und äußerlichen Mittelchen und Tinkturen. Nichts davon bringt eine Besserung. Ein studierter Medicus untersucht sie drei Wochen später sehr gründlich und schickt sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Seiner Meinung nach ist die Dame gesund und putzmunter.


Der Sommer kommt und vergeht. Doch nicht so der Schmerz. Allgegenwärtig und beißend breitet er sich nach und nach wie ein bösartiges Geschwür über den gesamten Körper der Dame aus. Langsam realisiert sie, dass der Medicus unrecht hat. Sie ist alles anderes als gesund! In ihrer Ratlosigkeit und zunehmenden Verzweiflung weiß sie keine bessere Lösung, als sich weiterhin selbst mit starken Arzneien zu behandeln. Allein bei dem Gedanken, was sie mittlerweile täglich alles zu sich nimmt, um halbwegs schmerzfrei existieren zu können, wird ihr schwindelig.


Die Dame reist für eine Weile gen Süden, ans Meer - der Sonne entgegen. Sie taucht durch sanfte Wellen und lässt sich anschließend am weißen Sandstrand von der Seeluft trocknen. Die Wärme tut sowohl ihrem zerschundenen Körper als auch der aufgewühlten Seele gut. Schon nach wenigen Tagen sind alle Schmerzen vollends verschwunden. Die Dame ist überglücklich, glaubt sie doch, das Schlimmste überstanden zu haben.


Sie sollte sich irren. Zwei Wochen nach der Rückkehr in ihr wohlgeordnetes Leben überfallen die Schmerzen sie mit gesteigerter Heftigkeit aufs Neue. Damit ist es jedoch nicht genug. Von Zeit zu Zeit verliert sie nun den Kontakt zu ihren Fingern – sie kann sie nicht mehr fühlen. Gerade so, als seien sie nicht mehr da und gehörten nicht zu ihr. Es folgen weitere Taubheitsgefühle und Missempfindungen an den anderen Gliedmaßen. Die Dame bekommt es daraufhin ernsthaft mit der Angst zu tun. Sie weiß, etwas hat sie mit voller Wucht erwischt und hält sie unbarmherzig in seinen gierigen Klauen. Und es würde sie nicht mehr los lassen, wenn sie nicht bald etwas dagegen unternahm.


Daraufhin folgt eine regelrechte Odyssee. Die Dame zieht einen Medicus nach dem anderen zu Rate. Ohne Erfolg. Der unempathische Kretin, den sie zuletzt aufsucht, empfiehlt ihr allen Ernstes, sich an einen Kollegen für geistige Erkrankungen zu wenden. Er ist der Ansicht, dass die Schmerzen nur in ihrer Fantasie existieren würden. Die Dame ist für gewöhnlich sehr still und von ruhiger Natur. Es kommt selten vor, dass sie einmal die Beherrschung verliert. Doch in diesem Fall sprengt ihre unbändige Wut alle Grenzen. Ihre Stimme klingt selbst in den eigenen Ohren beängstigend laut und zornig, als die monatelang angestaute Angst und Frustration sich auf explosive Weise über den Medicus ergießen. Der ist von ihrer heftigen Reaktion sichtlich schockiert und bittet sie darum, sich doch wieder zu beruhigen. Wohl befürchtet er, sie könne mit ihrem Geschrei seine anderen Patienten erschrecken. Die Dame verlässt wortlos und türenschlagend seine unfähige Quacksalberhöhle.


In diesem Moment stößt sie an die Grenzen des Erträglichen. Sie weiß beim besten Willen nicht, ob sie das tagtägliche Zerren und Reißen in sämtlichen Gliedmaßen noch weiterhin aushalten kann. Sie fühlt sich von den ständigen Schmerzen mit Haut und Haaren verschlungen. Der arrogante Medicus hat das Fass mit seinen kalten, abwertenden Worten endgültig zum Überlaufen gebracht. Niedergeschlagen setzt sie sich auf den Rand eines bepflanzten Blumenkübels. Ein ungestümer Sturzbach aus Tränen rinnt ihre Wangen herab. Einige Passanten blicken sie im Vorbeigehen befremdet an. Die Dame weint in aller Öffentlichkeit. Sie schnieft und rotzt wie ein Kleinkind. Die Contenance ist ihr in diesem schwachen Augenblick völlig entglitten. Doch das ist ihr von Herzen gleichgültig!


Wenige Tage später klettert sie unter den wärmenden Strahlen der spätsommerlichen Abendsonne völlig steif und durchfroren aus dem Becken im Freibad. Das Wasser liegt im Schatten und ist sehr kühl. Sie ist eine geübte und wendige Schwimmerin, kann sich nun jedoch kaum noch bewegen. Zitternd und zähneklappernd hüllt sie sich in ihr weiches Strandtuch. Danach lässt sie sich der Länge nach ausgestreckt von der freundlichen Sonne trocknen. Verblüfft stellt sie fest, dass ihr Körper sich allmählich entspannt und nahezu schmerzfrei anfühlt.


*****


Es vergehen drei weitere lange und sehr quälende Wochen. Im September landet die Dame schließlich in einem Hospital, welches sie nach einer Woche ohne Ergebnis wieder verlässt. Dort bescheinigt man ihr sogar schriftlich, dass sie in einem ausgezeichneten gesundheitlichen Zustand sei. Langsam beginnt die Dame am eigenen Verstand zu zweifeln. Ob sie sich womöglich alles nur einbildet? Vielleicht ist sie in der Tat krank an Geist und Seele?


Einige Tage später wird sie unerwartet und völlig zusammenhangslos von einem Gedankenfetzen getroffen. Die Dame sieht sich an einem sonnigen Spätsommerabend entspannt und schmerzfrei auf der raspelkurz gemähten Wiese im Schwimmbad liegen. Sie fühlt die angenehme Sonnenwärme auf ihrer Haut und denkt an die Sommerfrische im Süden zurück. Auch dort waren die Schmerzen wie von Zauberhand verschwunden. Die Dame wird von einer plötzlichen Erkenntnis erfüllt. Nach Monaten der Angst und Unsicherheit kann sie ihren unsichtbaren Feind endlich mit einem Namen benennen. Sie hat nun eine sehr genaue Vorstellung davon, wer sie derart schmerzhaft und beständig aus dem Hinterhalt heraus attackiert. Allein durch dieses Wissen schöpft sie neue Hoffnung.


Verständnislos schüttelt die Dame den Kopf. Wieso hat kein studierter Medicus erkennen können, woran sie erkrankt ist?


*****


Die Dame macht eine mächtige Kräuterhexe ausfindig. Diese lebt inmitten einer endlosen Steinernen Wüste und hat sich ganz auf die Behandlung jener heimtückischen Krankheit spezialisiert, die im Volk weit verbreitet ist. Wegen ihrer Heilkünste ist sie sehr gefragt. Nach langen Wochen des Wartens erhält die Dame im Oktober schließlich eine Audienz bei der Zauberin.


Erstaunt stellt sie fest, dass die Hexe vergleichsweise jung, hübsch und sehr freundlich ist. Geduldig hört sie sich die Geschichte der Dame an. Sie ist bereit ihr zu helfen, macht aber zunächst keine allzu großen Versprechungen. Die Dame ist etwas enttäuscht. Doch sie versteht, dass es eine gewisse Zeit benötigt, das bösartige Wesen des Gegners genau zu erkennen, um ihn später erfolgreich in Schach halten zu können.


Die Worte der Kräuterhexe rauschen wie der Herbstwind an ihren Ohren vorbei. Plötzlich merkt die Dame auf. In den eleganten Fingern der Magierin materialisiert sich wie von Zauberhand eine gläserne Phiole, in deren Inneren eine changierend dunkle Flüssigkeit funkelt. Fasziniert saugen sich die Augen der Dame daran fest. Sie sieht ihr Gegenüber fragend an.


Die Hexe lächelt.


„Man nennt es das Schwarze Elixier. Es verjagt in wenigen Tagen sämtliche Schmerzen, als seien sie nur ein böser Traum gewesen.“


Zögernd greift die Dame nach dem filigranen Glaszylinder. Sie hält ihn ganz vorsichtig, damit er ihr nicht aus den zitternden Händen gleiten kann.


„Vielen Dank. Wie oft soll ich denn von dieser Medizin trinken?“


Die Hexe händigt ihr eine Botschaft an den Giftmischer aus und erklärt der Dame in allen Einzelheiten, wie es sich mit dem Schwarzen Elixier verhält. Sie übergibt ihr eine weitere schriftliche Note mit dem Termin für die nächste Audienz und schickt die Dame ihres Weges.


Vor der Pforte der Zauberin warten noch viele weitere Heilungssuchende. Sie ist froh, dass sie zu dieser Hexe gefunden hat. Instinktiv hat sie Vertrauen zu ihr gefasst. Die Dame weiß, dass sie ihr helfen wird. Sie muss nur noch etwas Geduld haben.


Von neuer Hoffnung erfüllt, verlässt sie die prächtige Höhle der Zauberin und macht sich auf zum Giftmischer, der einen Vorrat des geheimnisvollen Schwarzen Elixiers für sie bereit hält. Die Dame ist sich sehr wohl darüber im Klaren, dass jede Arznei im Grunde genommen ein tödliches Gift ist und dessen Dosierung eine diffizile Kunst. Allerdings ist ihr dies inzwischen völlig gleich. Sie hätte jede noch so starke Medizin bedenkenlos geschluckt, um endlich Ruhe vor ihrem Feind zu haben!


Zum Glück ahnt die Dame zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sich die nächsten Monate trotz des teuflischen Wundermittels als die Schlimmsten ihres Lebens erweisen sollten …


*****


to be continued …



© Fabia Mortis

05.08.22