Kaltes Eck
Im Revier des Nachtgiegers

12.07.2022

Kaltes Eck 01

Illustrationen:

Luftaufnahme Wülzburg 2020 © HaSe
(Originaldatei Wikiwand), Lizenz

Kaltes Eck 2022 © Fabia Mortis

„Rosi und der Nachtgieger“ spielt in einer beschaulichen Kleinstadt in Mittelfranken. Die Geschichte ist im Jahr 1979 angesiedelt. Die (menschliche) Hauptfigur Rosi besucht die erste Klasse der hiesigen Grundschule. Das pittoreske Stadtbild ist von spätmittelalterlichen Fachwerkbauten und Bürgerhäusern aus dem Barock geprägt. Die Uhren dort ticken anders. Geruhsam. Gemächlich. Doch mitunter auch bedrohlich. Insbesondere dann, wenn die Turmuhr der gotischen Kirche im Herzen der Altstadt die zehnte Abendstunde schlägt,

 

Ich habe niemals geplant, ein Buch über den Nachtgieger zu schreiben. Tatsächlich war ich gerade mit einem anderen düsteren Monster beschäftigt. Doch der Schwarze Grimm ist sang- und klanglos im Nebelwald verschwunden. Stattdessen hat sich der Nachtgieger aus dem Dunkel meiner Kindheit erhoben. Seither weigert er sich hartnäckig, Ruhe zu geben. Ich dachte, ich schreibe ihm eine Kurzgeschichte, und damit hat sich dann der Lack. Weit gefehlt!

 

Nachdem ich die Erzählung auf meiner Website gebloggt hatte, wurde ich gefragt, ob es denn noch weitere Episoden aus Rosis Kindheit und vom Nachtgieger geben würde. Die gibt es natürlich zuhauf! Der Gedanke an ein Buch über den fränkischen Kinderschreck setzte sich hartnäckig in meinen Gehirnwindungen fest. Ehe ich es mich versah, hatte ich in einer ziemlich verrückten Schreibaktion bereits die ersten Kapitel in meinen Laptop gehackt.

 

Der Schauplatz für mein Gruselmärchen war schnell gefunden. Als Exilfränkin betrachte ich mich nach wie vor als stolze Bürgerin meines Heimatstädtchens. Für mich konnte es also keinen anderen Ort als diesen geben. Jeder Pflasterstein in dem komplett von einer noch bewohnten Mauer umgebenen historischen Stadtkern erzählt von der Vergangenheit. Für mich ist sie wie ein lebendiges, atmendes Wesen. Vor fast 2.000 Jahren errichteten die Römer hier ein Militärlager, das zweieinhalb Jahrhunderte lang Teil der Grenzbefestigung des Limes des Römischen Imperiums war.

 

Hoch über der Stadt, die sich inmitten der bewaldeten Hänge ins Tal schmiegt, thront eine imposante Renaissance-Festung, die Ende des 16. Jahrhunderts aus einem alten Benediktinerkloster hervor ging. Um diesen Ort ranken sich zahlreiche Sagen. So legte einst der Frankenkönig Pippin der Kurze aus Dankbarkeit für seine wundersame Rettung aus der Wildnis den Grundstein für eine Kirche auf dem Berg. Sogar eine äußerst ruchlose Tat soll sich in dem späteren Kloster ereignet haben. Einer der Äbte wurde mit dem Mordbeil vom Fensterhans erschlagen.

 

Die Wehranlage aus Kalkstein ist im neuitalienischen Stil auf dem Grundriss eines Pentagons erbaut. Sie ist vollständig von einem zehn Meter breiten und bis zu 23 Meter tiefen Trockengraben umgeben, der teilweise aus dem Stein heraus gemeißelt und aufgeschüttet wurde. Fünf Bastionen flankieren die Festung. Im Buch bezeichne ich sie der Einfachheit halber als „Türme“. Kurz erklärt ist eine Bastion (auch als Bollwerk oder Bastei bezeichnet) laut Wikipedia eine Anlage, die aus der Linie eines Festungswalls vorspringt und deren Aufgabe es ist, den Raum unmittelbar vor dem Wall, den die Verteidiger von der Brustwehr aus nicht unmittelbar einsehen können, seitlich überwachen bzw. erreichen zu können. Der tote Winkel war somit passé.

 

Um die Festung herum verläuft über eine Länge von rund einem Kilometer im Schatten alter Bäume ein gedeckter Weg. Es ist sehr still und friedlich hier oben. Die Luft schmeckt klar und frisch. Umrundet man den Bau einmal gegen den Uhrzeigersinn vom Prunktor im Süden ausgehend, passiert man die fünf Bastionen namentlich in folgender Reihenfolge: Jungfrau, Krebs, Roßmühle, Kaltes Eck und Hauptwache.

 

Unterhalb des Kalten Ecks befindet sich heute ein Aussichtspunkt mit mehreren hölzernen Liegen. Von dort aus genießt man einen wunderbaren Blick auf Stadt, Tal und das Umland. Für mich ist dieser Platz einer meiner Herzensorte.

 

Was liegt also näher, als meinem blutrünstigen Nachtgieger hier seinen Hauptschlafplatz zuzuweisen? Während des Tages ruht er hoch oben in dem verlassenen Turm des Kalten Ecks - kopfüberhängend wie eine grausige Fledermaus aus der Hölle. Wenn das leise Abendgeläut der Kirche zur zehnten Stunde aus dem Tal zum Berg hinauf dringt, erwacht er und schwebt auf lautlosen Lederhautschwingen in die Stadt hinab. Um dort zu jagen und fressen.

 

Es ist ein wahres Vergnügen, dieses Buch zu erschaffen. Eigentlich schreibt es sich nahezu von selbst.

 

Für mich ist „Rosi und der Nachtgieger“ in erster Linie eine Liebeserklärung an mein fränkisches Heimatstädtchen.

 

Es gibt unterschiedliche Arten von Liebe. Das Leben ist voll davon. Sie kommen und gehen. Manche bleiben jedoch ein Leben lang. Eine davon ist die beständigste von allen: Die Liebe zur Heimat.

 

© Fabia Mortis

Quellennachweis: Wikipedia (Wülzburg)