Im Zeichen des Großen Mausohrs
Die Bastion Krebs

18.07.2022

Illustrationen:

Großes Mausohr im Flug
© C. Robiller / Naturlichter.de (Hyla meridionalis) - Originaldatei WikiCommons / Lizenz

Wülzburg
© Fabia Mortis

Das vergangene Wochenende habe ich dazu genutzt, während eines Heimaturlaubs in Mittelfranken die Schauplätze von „Rosi und der Nachtgieger“ zu besuchen und etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Wie dem aufmerksamen Leser aus meinen Beitrag über das Kalte Eck vielleicht noch erinnerlich ist, befindet sich der Hauptschlafplatz des Nachtgiegers auf der Festung Wülzburg, die auf der Südlichen Frankenalb in 630 Metern Höhe über Weißenburg thront. Die pentagonale Anlage im neuitalienischen Stil wird von fünf Bastionen flankiert. Den Nachtgieger habe ich im Kalten Eck angesiedelt, da man von dort einen wunderbaren Blick ins Tal und auf Rosis Heimatstädtchen genießt. Natürlich legt auch ein stets hungriges Monster Wert auf eine gepflegte Aussicht.

 

Am Samstag habe ich also voller Vorfreude kurz vor der vollen Stunde am Info-Point auf den Beginn der Festungsführung gewartet. Tatsächlich war ich die einzige Interessentin an dieser kulturellen Veranstaltung und kam dadurch in den Genuss einer Privatführung. Zunächst war ich etwas enttäuscht, als mir der Touristguide Florian mitteilte, dass die Bastion Kaltes Eck aufgrund des porösen Gesteins nicht zugänglich sei. Ich hätte wirklich allzu gerne einen neugierigen Blick hineingeworfen. Allerdings durfte ich stattdessen in die Bastion Krebs. Nachdem ich mich von Haus aus für jegliche Form von alten Gemäuern begeistern kann, wurde ich von einem schaurig-schönen Gänsehaut-Feeling erfasst als ich sah, womit ich es stattdessen zu tun bekam.

 

Auf der Wülzburg sind laut offizieller Auszeichnung des Umweltministeriums „Fledermäuse willkommen“. In der Bastion Krebs befindet sich das Winterquartier von rund 200 Fledermäusen zwölf verschiedener Arten. Wie ich zu meinem Amüsement einer Schautafel im Info-Point entnehmen durfte, ist eine davon das "Große Mausohr" (Myotis myotis), welches in eigens zu diesem Zweck in den Kalksteinwänden angebrachten Hohlräumen überwintert.

 

Hochhackige Sandalen sind zwar im Nachhinein betrachtet nicht unbedingt für eine Festungsbesichtigung geeignet, aber dafür klackern sie besonders melodiös auf dem leicht abschüssigen Pflaster. Die Schlitterpartie hat sich für mich in jedem Fall ausgezahlt. Trotz der hochsommerlichen Temperaturen war die Bastion feucht-kühl und wunderbar düster. Florian drückte mir eine Handlampe in die Hand. Als ich damit in die Dunkelheit des alten Gewölbes leuchtete, wusste ich, dass ich den perfekten Ort für den Nachtgieger gefunden hatte:

 

Dunkel, kalt, unheimlich.

 

Als I-Tüpfelchen hingen sogar Stalaktiten von der Decke. Ich war natürlich begeistert. Die Fledermäuse bekommt man als Besucher übrigens nicht zu Gesicht. Im Winter gibt es keine Führungen, um die Tiere nicht in ihrer Ruhe zu stören. Sie reagieren sehr sensibel auf Licht.

 

Die Bastion heißt nach einer gleichnamigen Kanone (diese wiederum wurde nach dem Sternzeichen benannt), einer sogenannten 24-Pfund-Halbkartaune. Es handelt sich dabei zwar um einen Rekonstruktion, allerdings ist sie voll funktionsfähig. Mit einer Länge von 2,80 Metern und einem Rohrdurchmesser von 37 Zentimetern war sie in der Lage einen Schuss bis zu zwei Kilometern Entfernung abzugeben. Sie hätte also den Marktplatz in Weißenburg mit Leichtigkeit treffen können. Wen verwundert es da, dass die freiheitsliebenden Bürger unten im Tal gegenüber der Festung auf dem Berg seit jeher skeptisch eingestellt waren?!

 

Florian wusste dazu übrigens noch eine interessante Anekdote zu berichten: Nachdem zu damaligen Zeiten Kanonen aufgrund von Fehlkonstruktionen hin und wieder die unangenehme Angewohnheit hatten, beim Abfeuern zu explodieren, setzten sich die Baumeister sozusagen als „vertrauensbildende Maßnahme“ darauf, um die Kanoniere entsprechend zu motivieren. Flog die ganze Chose trotzdem in die Luft – tja, dann musste der Festungsherr dem Kanonenbaumeister zumindest keinen Lohn mehr bezahlen.

 

Den Nachtgieger belasse ich zwar aufgrund der exponierten Lage im Kalten Eck, werde dessen Interieur aber im Rahmen der dichterischen Freiheit mit allen schaurig-schönen Eigenschaften der Bastion Krebs ausstatten.

 

Was gibt es Gruseligeres als eine dämonische Kreatur aus der Hölle mit gewaltigen Fledermausflügeln, die kopfüberhängend im Kalten Eck schläft und dabei von 200 Großen Mausohren umgeben wird?

 

Ich würde sagen: Die Eintrittsgebühr für die Festungsführung hat sich allemal gelohnt!

 

 

© Fabia Mortis